Theater, Lyrik, Sprachforschung und Heimatkunde
1949 / 1984 Bensheimer Idiotikon

Vorwort
Keine Sprache, auch nicht die deutsche, ist im Laufe der Jahrhunderte unverändert geblieben. Jeder, der in alten Akten und Urkunden Einsicht nimmt, weiß, dass unsere Vorfahren anders sprachen als wir. Diese alten Schriftstücke sind ohne die dazu erforderlichen Vorkenntnisse meist gar nicht zu entziffern. Selbst in Schriften der uns näherliegenden Zeiten finden wir Worte, Redewendungen und Aufbau der Sätze, die uns heute fremd und nicht geläufig sind. Wir bezeichnen sie als veraltet. Das gilt selbst von Werken unsrer Klassiker. In der Zeit, die uns von früheren Jahrhunderten trennt, hat sich unsere Muttersprache eben so weiterentwickelt und gewandelt, dass sie wesentliche Unterschiede gegenüber früheren Zeitepochen aufweist. Diese Wandlung, die wir als selbstverständlich hinnehmen, zwingt zur Erkenntnis, daß sich unsere heutige Sprachform auch in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten weiterentwickeln und verändern wird und daß unsere Nachfahren einmal anders sprechen werden als wir.

Wenn das schon für die Schriftsprache zutrifft, um wieviel mehr gilt dies für die Mundart. Bei ihr können sich, wie die Erfahrung lehrt, schon nach wenigen Jahren Bereicherung des Wortschatzes, aber auch Veränderung früher gebräuchlicher Worte und Ausdrücke geltend machen, die das ursprüngliche Sprachbild verwässern und teilweise entstellen. Diese Gefahr droht in besonderem Maße der noch heute gebräuchlichsten Bensheimer Mundart durch den unverhältnismäßig starken Zuzug Ortsfremder. Diese sprechen ihren eigenen Dialekt, der sich von dem der Bensheimer im Klang, Wortschatz, Satzbau und dergleichen wesentlich unterscheidet. Leider ist ein großer Teil unserer Mundart sprechenden Bevölkerung äußeren Einflüssen auf sprachlichem Gebiet sehr zugänglich aus dem falschen Gefühl heraus, daß das Fremde vornehmer klinge als das Einheimische. Diese Tatsache steigert die oben angedeutete Gefahr zukünftiger Zersetzung und Verwässerung ganz bedeutend. Ich freue mich deshalb, das angestammte Bensheimer Sprachgut, das zugleich Volksgut ist, noch rechtzeitig gesammelt und diese Sammlung in den letzten Jahren zum Abschluß gebracht zu haben. Bei meiner Arbeit kam mir manches zustatten, was anderen, die sich die gleiche Aufgabe gestellt hätten, versagt geblieben wäre. Als geborener Bensheimer, der, abgesehen von kurzen Unterbrechungen, sein ganzes Leben in seiner Vaterstadt zubrachte, bin ich von Jugend auf mit der Bensheimer Mundart verwachsen. Als Mundartdichter hatte ich schon frühzeitig besonderes Interesse daran, dieser Mundart in ihren feinsten Abstufungen nachzugehen. Bei zunächst systemlosem, dann aber systematischem Sammeln Bensheimer Wörter und Ausdrücke konnte ich bald feststellen, daß die heimische Mundart viel mehr Modulationen, Eigenart und Feinheiten aufzuweisen hat, als sich dies bei flüchtigem Hinschauen ahnen läßt. Viele Worte und Ausdrücke, die in früheren Jahrzehnten zum Sprachschatz der Bensheimer gehörten, sind heute selten geworden oder gar verschwunden. Hier kann mir mein Bekanntsein mit alteingesessenen Bensheimern zustatten, die ich für meine Sammlung zu interessieren wußte und die mir wertvolle Mitarbeiter wurden. So kam eine fast lückenlose Zusammenfassung von nahezu 5500 Wörtern und Ausdrücken zustande. Der später in Angriff genommene Nachweis des Ursprungs zahlreicher Worte gibt vielen Lesern, besonders auch den Mundartsprechenden, sicherlich manche überraschende Aufklärung. Die eingestreuten lokalgeschichtlichen Anmerkungen geben Einheimischen und Zugezogenen bemerkenswerte Aufschlüsse über Dinge, die oft nur nach Durchsicht der heute schwer zu beschaffenden Spezialliteratur erarbeitet werden können. Als Abschlußjahr habe ich das Jahr 1945 festgelegt, d.h., in dieser Zusammenstellung sind nur die Wörter und Ausdrücke berücksichtigt, die bis 1945 einschließlich üblich und gebräuchlich waren.

Über die Wiedergabe des gesprochenen Worte ist folgendes zu sagen: Es ist eine bekannte Tatsache, daß unsere Schriftsprache mehr Laute als Buchstaben hat und daß die zur Zeit bestehende Schrift nicht imstande ist, alle Laute so wiederzugeben, wie sie gesprochen werden. Wir behelfen uns daher oft mit einem Buchstaben für ganz verschiedene Laute. Als Beispiel diente dem Lautbegriff e, das zweite e dagegen tritt wie bei den Vorsilben be, ge (bemerken, getan) als kurzer dumpfer Laut in Erscheinung. In "sich regen" klingt der e-Laut langgezogen, dagegen in "Herr" wie ein kurzes ä. In Verbindung mit i (Ei) klingt es an a, in Verbindung mit u (Leute) an Oan. In "die, wie" usw. wird es überhaupt nicht gesprochen. Ähnliches gilt auch von anderen Selbst- und Mitlauten. Diese Armut an Schriftzeichen tritt bei schriftlicher Wiedergabe der Mundart noch mehr in Erscheinung. Viele Mundarten, so auch die Bensheimer, weisen zahlreiche Laute auf, für die unsere zur Verfügung stehenden Buchstaben noch weniger ausreichen als für die der Schriftsprache. Ich erinnere nur an die Nasallaute. Freilich hat die Wissenschaft für die Schwierigkeiten in der phonetischen Schreibweise einen Ersatz gefunden, der aber niemals Allgemeingut des Volkes werden kann. Der Mundartdichter ist also, um sich seinen Lesern verständlich zu machen, auf Selbsthilfe angewiesen. Diese Selbsthilfe führt dazu, daß jeder Mundartdichter seinen Dialekt schriftlich so niederlegt, wie er ihn seinem Leserkreis am besten verständlich zu machen glaubt. Dabei bleibt er jedoch häufig seiner von ihm zugrunde gelegten Orthographie selbst nicht treu. Mit Recht sagt einmal der bekannte Darmstädter Dialektdichter Robert Schneider: "Die Orddegrafie is mit des Schwierischste am Dialekt". Er weist darauf hin, daß selbst ein Niebergall in seinem "Datterich" und "Der tolle Hund" die Schreibart seiner Mundart nicht einheitlich durchgeführt habe.

Meiner vorliegenden Sammlung lege ich eine möglichst genaue Lautschrift zugrunde und schaffe dadurch allen künftigen Bensheimer Mundartdichter eine einheitliche orthographische Grundlage. Die gedehnten Vokale sind, soweit nicht "h" als Dehnungszeichen erscheint, durch Verdoppelung des betreffenden Lautes kenntlich gemacht. An das so entstehende, manchmal ungewohnte Wortbild gewöhnt man sich leicht. "a" tritt als kurzgesprochenes a (a), als gedehntes a (aa) und als nasales a (ââ) auf. (Anmerkung: Zur Zeit ist nur der Buchstabe "A" des Bensheimer Idiotikon verfügbar sowie das Vor- und Nachwort, da die Digitalisierung des Idiotikons ein erhebliches Stück Arbeit darstellt.)

Buchstabe: A (PDF Datei)

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