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Der Bürgerwehrbrunnen

Auf dem kleinen Platz zwischen dem Marktplatz, der Mittelbrücke und dem Wambolterhof findet man den Bürgerwehrbrunnen, der neuerdings von einem kleineren Brunnen (Trinkwasserspender) flankiert wird. Dieser von Fachwerkhäusern umringte Platz liegt meist nur auf dem Weg vieler Bensheimer, wenn sie von der oberen Hauptstraße zum Hospitalbrunnen wollen und tritt meistens nur dann in Erscheinung, wenn dieser Platz für Veranstaltungen genutzt wird. Vielleicht war dies ein Grund, warum Joseph Stoll an der durch einen Großbrand im Jahre 1866 freigewordenen Fläche die einstige Brunnensäule des Marktplatzes, als neuen Brunnen, hier aufstellen wollte. 1934 war es dann soweit. Der Brunnen wurde errichtet, in den 70er Jahren wurden Ruhebänke ergänzt und im Laufe der letzten Jahre entstand durch die Restaurierung der Mittelbrücke, der angrenzenden Fachwerkhäuser und der Alten Faktorei ein innerstädtisches Kleinod.

Der lieblichste Brunnen - Zeitungsartikel im Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag, 27.08.2015

Der lieblichste Brunnen

Er wird in Volksliedern besungen und in romantischen Gedichten beschrieben: der Brunnen. Früher war er für die Wasserversorgung der Bevölkerung lebensnotwendig, heute erfreut man sich an seinem Plätschern. Brunnen sind beliebte Treffpunkte – früher wie heute. Beim Gang durch die Bensheimer Altstadt begegnet man mehreren dieser steinernen Zeitzeugen. In unserer Serie stellen wir in loser Folge die Bensheimer Brunnen vor. Heute: der Bürgerwehrbrunnen.

Er zählt zu den idyllischsten Orten in der Bensheimer Altstadt: Die Rede ist vom Platz am Bürgerwehrbrunnen. Umgeben von historischen Fachwerkhäusern und dem Barock-Gebäude der Alten Faktorei strahlt der Platz mit den großen Bäumen einen ganz besonderen Charme aus.

An heißen Sommertagen kann man hier auf einer der Bänke im Schatten eine Pause einlegen. Und eine Erfrischung gibt es sogar auch: Das Wasser aus dem Bürgerwehrbrunnen sollte man zwar nicht trinken - daneben, vor dem Eingang zum Bürgerbüro in der Alten Faktorei, steht jedoch ein Trinkwasserspender, von dem gerne Gebrauch gemacht wird.

Der Bürgerwehrbrunnen hat dem Platz seinen Namen gegeben. Aus vier Ausgussrohren plätschert das Wasser in das achteckige Sandsteinbecken. Der ehemalige Archivar Richard Matthes bezeichnete die Anlage in seinen Beiträgen über "Die Trinkwasserversorgung der Stadt Bensheim in alter und neuer Zeit" als den "lieblichsten Brunnen" der Stadt. Ein Hingucker ist die reich verzierte klassizistische Brunnensäule - ebenfalls aus Sandstein. Vier Löwentatzen zieren ihren Sockel. Die Säule hat eine längere Geschichte - und mehrere Standortwechsel hinter sich. Ursprünglich wurde sie 1836 durch den Darmstädter Hofbildhauer Philipp Johann Scholl für den Marktplatz angefertigt.

Säule blieb unversehrt

Dort schmückte sie für einige Jahrzehnte den zentralen Brunnen - bekrönt von einer gläsernen Kugel (wir haben berichtet). Der Glasschmuck fiel bei einem Erdbeben 1871 herunter und zerbrach - die Säule blieb glücklicherweise unversehrt. In den 1880er Jahren entschied man sich für eine neue Säule für den Marktbrunnen - und die bisherige zog zunächst auf den heutigen Beauner Platz um. Dort befand sich zum damaligen Zeitpunkt eine parkartige Anlage mit Bäumen und Sträuchern. Die Brunnensäule diente für einige Jahre als Laternenkandelaber.

Im Jahr 1934 veranlasste der Lehrer und Lokalpolitiker Joseph Stoll, Gründer der Bensheimer Bürgerwehr, dass die Säule den neu errichteten Brunnen vor der Faktorei schmücken soll. So erhielt er auch den Namen Bürgerwehrbrunnen. Zuvor standen an der Stelle des heutigen Platzes zwei Wohnhäuser und eine Scheune, die 1866 einem Brand zum Opfer fielen. Sie durften nicht mehr aufgebaut werden, um diesem Bereich mehr Luft und Licht zu geben.

Der Platz inmitten der Altstadt ist heute eine vielbesuchte Anlaufstelle - sowohl für Einheimische als auch für Besucher der Stadt Bensheim. In der Faktorei sind seit 2001 das Bürgerbüro und die Tourist-Info untergebracht. Und der Bürgerwehrbrunnen ist traditionell der Treffpunkt für die von der Tourist-Info veranstalteten Stadtführungen.

Auch gefeiert wird rund um den Brunnen viel und gerne - und das gleich mehrfach im Jahr. Beim Bürger- und Winzerfest sowie beim Weihnachtsmarkt liegt der Platz direkt an der Festmeile. Und auch das Bergsträßer Jazzfestival ist fest mit dem Bürgerwehrbrunnen verknüpft. Einmal im Jahr, immer Mitte August, spielt hier zwölf Stunden lang Jazzmusik die erste Geige. Die ansprechende Gestaltung des Platzes geht übrigens auf zwei Umbaumaßnahmen innerhalb der vergangenen 40 Jahre zurück. Die erste fand im Rahmen des Ausbaus der Fußgängerzone 1975 statt.

Die zweite liegt noch nicht so lange zurück: 2006 wurde der Platz - damals auf Anregung der Zukunftswerkstatt - erneut umgestaltet. Für 375 000 Euro erhielt der 1100 Quadratmeter große Platz unter anderem eine einheitliche neue Natursteinpflasterung aus rotem Granit, Bodenstrahler und neue Laternen, Bänke und eine Trinkwasserfontäne. Die Neugestaltung verfolgte vor allem ein Ziel: Der Bürgerwehrbrunnen sollte besser in Szene gesetzt, die Anlage als Mittelpunkt des Platzes betont werden.

In wenigen Tagen wird das Bergsträßer Winzerfest eröffnet. Dann wird es auch rund um den Bürgerwehrbrunnen wieder richtig voll werden. Man trifft sich eben gerne am Brunnen - früher wie heute.

© Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag, 27.08.2015

Der Platz am Bürgerwehrbrunnen früher und heute - Zeitungsartikel im Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag, 19.02.2026

Der Platz am Bürgerwehrbrunnen früher und heute

Serie „Am Wegesrand": Eine Litfaßsäule stand an dem Ort, wo sich seit den 1930er Jahren der Brunnen befindet.

Von Eva Bambach

Bensheim. In der vergangenen Folge unserer Serie Am Wegesrand" ging es um die aus der Stadt verschwundenen Litfaßsäulen. Auf den interessanten Fall einer schon in der Nazizeit zwar nicht entfernten, aber versetzen Reklamesäule machte unser Leser Rudolf Schmitt aufmerksam. Er hat nicht nur ein sehr großes persönliches Archiv zur Heimatgeschichte als Vorstandsmitglied des Museumsvereins kennt er auch dessen Archiv sehr gut.

Das von ihm gefundene Foto zeigt eine mit vielen Plakaten tapezierte Reklamesäule mitten auf dem Platz vor der Faktorei, der wegen der einst dort angesiedelten Schule damals vermutlich noch Gymnasiumplatz oder Schulplatz hieß. Der Platz wird heute vom Bürgerwehrbrunnen dominiert. Das Foto muss spätestens 1934 entstanden sein, denn damals wurde die Litfaßsäule durch diesen neuen Brunnen ersetzt.

Historisches Fotos des heutigen Platzes Am Bürgerwehrbrunnen in den frühen 1930er Jahren.

Einst stand eine öffentliche Toilette auf dem Platz Die Säule taucht dann bis in die 1970er Jahre etwas weiter westlich Richtung Wambolter Hof wieder auf, wo auch ein Kiosk und eine öffentliche Toilette angesiedelt wurden. Eine solche, so berichteten die Heimatforscher Diether Blüm und Martin Hellriegel, habe zuvor schon mitten auf dem Platz gestanden, der heute vom Brunnen eingenommen wird. Offenbar war diese blecherne Bedürfnisanstalt aber zwischendurch zunächst von der Litfaßsäule abgelöst worden.

Josef Stoll, Gewerbeschullehrer, Mitbegründer des Verkehrsvereins und der historischen Bensheimer Bürgerwehr, erkannte das Potenzial des Platzes, der erst seit einem Brand zweier Häuser in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überhaupt entstanden war. An mehreren Stellen in der Stadt waren damals alte Häuser abgerissen worden, um die Straßen zu verbreitern und die Brandgefahren zu vermindern.

Stoll widmete den Platz der Bürgerwehr und ließ den Brunnen setzen mit einem markanten Brunnenstock in Zweitverwendung. Dieser hatte nämlich ursprünglich den Brunnen geziert, der schon rund hundert Jahre zuvor vom Darmstädter Hofbildhauer Philipp Johann Scholl für den Marktplatz geschaffen worden war. Dort war der Brunnen stock entfernt worden, nachdem bei einem Erdbeben 1871 eine große Glaskugel kaputtgegangen war, die seinen oberen Abschluss gebildet hatte.

Für den Bürgerwehrbrunnen wurde der Brunnenstock - nun ohne Kugel - in ein neues achteckiges Sandsteinbecken gesetzt. Die Anlage stand in Zusammenhang mit der umfassenden Umgestaltung der Stadt in der ersten Hälfte der 1930er Jahre, die maßgeblich von Josef Stoll betrieben wurde und dem nicht zuletzt der Stadtpark zu verdanken ist. Stoll sorgte unter anderem auch für den Verputz von mehreren noch heute ins Auge fallenden Häusern in Sgraffito-Technik. Auch die Häuser an der Nordseite des Platzes wurden damals neu verputzt.

Zwei Umbaumaßnahmen in den Jahren 1975 und 2006

Die heutige Gestaltung des Platzes entstand dann durch zwei Umbaumaßnahmen: 1975 wurden anstelle einer lediglich flachen, mit Bordsteinen abgegrenzten kleinen Erhöhung rund um den Brunnen ein hohes Beet angelegt, das mit einer durch laufenden Sitzbank umgeben war - man saß mit dem Rücken zum Brunnen. 2006/07 wurden auf Anregung der Zukunftswerkstatt eine neue Granitpflasterung, Bodenstrahler, Laternen, Bänke und eine inzwischen wieder entfernte Trink-wassersäule angebracht, um den Bürgerwehrbrunnen wieder wirkungsvoller in Szene zu setzen. Das Beet wurde entfernt und der Brunnen liegt nun zum Teil wieder auf Bodenniveau, zum Teil darüber: Von der oberen Fußgängerzone kommend führen drei sanft geschwungene Treppenstufen hinauf. Von ursprünglich zwei großen Bäumen, die schon die Litfaßsäule am Anfang des 20. Jahrhunderts und später auch den Brunnen gerahmt hatten, ist am Standort inzwischen nur noch einer verblieben.

Josef Stoll Josef Stoll (1879-1956), Vorsitzender des Verkehrsvereins und Mitbegründer der Heimatvereinigung Oald Bensem, ist trotz seiner Verdienste für die Stadt heute kritisch zu sehen. Bereits 1933 trat er in die NSDAP ein und war Propagandaleiter der Bensheimer Ortsgruppe. Mehrere Reden und Zeitungsartikel aus dieser Zeit zeugen von seiner anfänglichen Überzeugung vom Nationalsozialismus, red

© Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag 19.02.2026

Bergsträßer Anzeiger Der Platz am Bürgerwehrbrunnen früher und heute
Original Zeitungsartikel über die Geschichte und Umgestaltung des heutugen Bensheimer Platzes Am Bürgerwehrbrunnen und Joseph Stolls Mitwirkung Original Zeitungsartikel über die Geschichte und Umgestaltung des heutigen Bensheimer Platzes Am Bürgerwehrbrunnen und Joseph Stolls Mitwirkung