Joseph Stoll - sein Leben, sein Schaffen Xaver Stoll - mein Vater |
(...) Franz Xaver Stoll, als Sohn des Rechners der Bischöflichen Dotationsverwaltung Engelbert Stoll am 8. Oktober 1834 in Mainz geboren, wirkte vom 10.Mai 1857 bis zu seiner Ruhestandsversetzung am 1. August 1893 als Lehrer am Bensheimer Gymnasium; auch während seiner Pensionszeit lebte er in Bensheim, wo er am 8. Januar 1902 verstarb. Den Menschen Franz Xaver Stoll hat Professor Henkelmann in der "Hessischen Chronik" (1914, Heft 1, S. 17 ff) gewürdigt.
Viele Geschichten und Anekdoten leben von F. X. Stoll fort und werden immer wieder gerne erzählt und gehört, ein sehr guter Beweis für die Beliebtheit, die der einzigartige Mann nicht nur im Raum der Schule und seiner Schüler, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit genoß. Davon soll hier nicht im einzelnen gesprochen werden. Es soll vielmehr versucht werden zu zeigen, welche Fähigkeiten und besondere Eigenschaften Stoll als Gelehrten und Schulmann auszeichneten und warum es berechtigt erscheint, unserer Generation auf ihn als einen der hervorragendsten Köpfe aufmerksam zu machen, die im 19. Jahrhundert in unserer Stadt wirkten.
Es war früher üblich, dass die Schulen ihren Jahresbericht als "Programm" herausgaben, dass gleichzeitig als Einladung für die am Ende des Schuljahres stattfindenden öffentlichen Prüfungen der Klassen Quarta bis Prima galt und die Einladungen zum "Rede-Act und zur Preisverleihung" enthielt. Diese Programme enthielten regelmäßig wissenschaftliche bzw. methodische Abhandlungen des Direktors oder eines Lehrers der Schule. Sieht man die noch vorhandenen Programme des "Großherzoglichen Gymnasiums zu Bensheim" aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch, so fällt zweierlei auf: 1. F.X. Stoll veröffentlichte während seiner Tätigkeit am Gymnasium eine sehr große Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten; diese Arbeiten umfassen sowohl das Gebiet der alten sprachen als vor allem die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer. 2. Aus der Unterrichtsstatistik ergibt sich: Stoll unterrichtete in allen Klassenstufen, vornehmlich allerdings in der Oberstufe, folgende Fächer: Deutsch, Latein, Mathematik, Griechisch, Geographie, Naturkunde (Physik, Biologie). Es sei hier auf folgendes hingewiesen: Stoll, der übrigens schon im Alter von 11 Jahren seine Mutter verlor und eine harte Jugend hatte, hatte die Universität Bonn und Gießen besucht und dort hintereinander klassische Philologie und Mathematik einschließlich Naturwissenschaften studiert. Kein Wunder deshalb, dass er sowohl die philologischen als auch die mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen beherrschte und zwar in so überragender Weise, dass er zeitlebens in diesen Wissenschaftsgebieten auch wissenschaftlich weiterarbeitete. So enthält das "Programm der Großherzoglichen Gymnasiums zu Bensheim" das am Schluß des Schuljahres 1859/60 herausgegeben wurde, eine "Abhandlung des Gymnasiallehrers Dr. Stoll: De versu Saturnio", eine wissenschaftliche Betrachtung also über das saturnische Versmaß (in lateinischer Sprache). Sehr viel fruchtbarer allerdings war Stolls wissenschaftliche Tätigkeit in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Hier liegen sehr viele Arbeiten vor, die wir nicht nur in den Jahresprogrammen nachlesen können, sondern die der Verfasser jeweils in den damals führenden Fachzeitschriften für Mathematik und Naturwissenschaft veröffentlichte und die ihm nicht nur im damaligen Deutschland, sondern auch im Ausland einen guten Ruf als Wissenschaftler sicherten. Bei den Arbeiten Stolls handelt es sich zum kleineren Teil um fachmethodische Fragen, wie sie aus dem praktischen Unterricht herauswachsen; den weitaus größren Raum nehmen dagegen rein wissenschaftliche Themen ein, ein Beweis dafür, dass Stoll zeitlebens lebendige Verbindung mit der reinen Wissenschaft hielt, wenn er - nebenbei gesagt - auch nur wenige Male in den vielen Jahren seiner Bensheimer Zeit die Stadt verließ. Eine rein wissenschaftliche Arbeit stellt z.B. die 1874-1875 erschiene Abhandlung "Neue Beiträge zum Problem des Apolonius" dar, ebenso der Aufsatz "Ueber sphärische Vielecke, die einem Kreise eingeschrieben und einem anderen Kreise angeschrieben sind". Die Abhandlung "Ueber einige Sätze J. Steiners" zeigt, dass sich Stoll mit damals recht aktuellen Problemen befasste. Vielfach erarbeitete er neue Lehrsätze und drang zu ganz neuen Erkenntnissen vor; oft lieferte er auch Beweise zu von anderen Mathematikern aufgestellten, von diesen aber nicht bewiesenen Sätzen. Geradezu überraschend wirkte Stolls Arbeit "Das Probleme der kürzesten Dämmerung", weil er hier eine Aufgabe mit elementaren Mitteln (ohne Differentilalrechnunq) löste, an die sich vorher nur der große Mathmatiker J. Bernoulli gewagt hatte. Von den mehr methodischen Aufsätzen interessiert auch heute noch das Thema "Die Hauptaufgaben der sphärischen Trigonometrie (1879)". Unter der Bezeichnung "Mathematische und physikalische Miscellen" veröffentlichte Stoll ab und zu in den Programmen kleinere Aufsätze, die sich mit Lösungsmethoden kubischer Gleichungen, geodätischen Fragen u. a. beschäftigen. Interessant - sind auch die physikalischen Fragen, die Stoll aufrollt: "Brechung des Lichts, Theorie des Horizontalpendels - sie wurde In das Physikbuch von Professor P. Reis übernommen - "Ueber die durch den Mond. und die Sterne bewirkte Ablenkung des Pendels von der Lotlinie" u.a.. Mit den aufgeführten Arbeiten ist der Überblick über Stolls wissenschaftliche Tätigkeit, soweit diese aus der Literatur nachweisbar ist, nicht erschöpft. Man müßte die bedeutendsten mathematischen Fachzeitschriften des letzten Viertels des vergangenen Jahrhunderts, die in Deutschland, England und Frankreich erschienen sind, durcharbeiten, um den oben gegebenen Überblick zu vervollständigen. Bekannt ist auch, dass ersehr viele in Fachzeitschriften gestellte Aufgaben löste und andererseits z.B. bis zum Jahre 1898 allein 95 aufgaben an die bekannte "Zeitschrift für mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht" einsandte. Auch in den von zwei sehr bedeutenden französischen Mathematikern herausgebrachte "L'Intermediaire des Mathematiciens" und in der von der Londoner Mathematischen Gesellschaft herausgegebenen Zeitschrift, ebenso in den "Proceedings of the Edinburgh Mathematical Society" und vielen anderen Zeitschriften erschienen viele von Stoll estellten Aufgaben. "Große Freude machte es Stoll, als er am 24. Dezember 1901 einen Brief von Professor Porszasz (Budapest) erhielt, worin dieser um Einsendung seiner Photographie bat mit folgender Begründung: "Ich lege mir eine Sammlung von Mathematikern an, in der der rühmlichst bekannte Verfasser des trefflichen Lehrbuchs: "Anfangsgründe der neueren Geometrie, 1872" nicht fehlen darf. Diesem Buch verdanke ich die ersten Begriffe über diese Disziplin". Bis kurz vor seinem Tod stand Stoll in reger Korrespondenz mit bedeutenden Männern seines Faches in Deutschland, Frankreich, England, Tunis, Schweden, Spanien, Ungarn, Amerika. (Prof. Kiefer in d. Zeitschr. F. math. U. naturw. Unterricht 1902). Und zu dieser außerordentlich umfangreichen wissenschaftlichen Tätigkeit gesellte sich eine selten vielseitige unterrichtliche Tätigkeit. So unterrichtete z.B. Stoll im Schuljahr 1859/60 Latein und Griechisch in Prima, Deutsch in Quarta, Geographie in Tertia, "Naturkunde" in Quarta bis Prima, im Schuljahr 1872/73 Deutsch und Griechisch in Prima, Mathematik in Sekunda und Prima, im letzten Jahr seiner schulischen Tätigkeit Latein in Prima und Mathematik in Prima und Sekunda. So behandelte er z.B. in derselben Klasse im Griechischen Homers Ilias, im Deutschunterricht Schillers Maria Stuart, in der Mathematik Kombinationslehre, Gleichungslehre und Trigonometrie, in der Physik die Reibungselektrizität. So breitschichtig war also das unterrichtliche Können Stolls, daß er in der Lage war, alle Fächer des damaligen Gymnasiums unterrichtlich zu meistern - ein wahrhaft beneidenswerter Lehrer, den wir uns als Kinder des überzüchteten Spezialistentums heute überhaupt nicht mehr vorstellen können. Allerdings muß man sich auch darüber klar sein, daß Stoll diese Fülle an wissenschaftlicher und schulischer Arbeit nur durch einen unerhörten Fleiß und äußerste Gewissenhaftigkeit hat leisten können - allerdings in einer Zeit, in der es den durch die Technik unsrer Tage gekennzeichneten Managertyp noch nicht gab und in der der Mensch als Individuum noch voll und ganz zu seinem Recht kam. Und dann wollen wir daran denken, daß die damalige Zeit in Deutschland noch andere Bildungs- und Erziehungsgrundsätze kannte als das 20. Jahrhundert. Der Gymnasiallehrer der damaligen zeit war noch sehr viel mehr an das Leben, das von den Universitäten ausstrahlte, gebunden. Der Staat leistete es sich, seine Lehrer mit einer geringeren Wochenstundenzahl zu belasten und ihnen Zeit zu geben, wissenschaftlich zu arbeiten und neue wissenschaftliche Erkenntnisse in viel stärkerem Maße, als das heute möglich ist, unterrichtlich auswerten zu lassen. Es war ein Zustand, wie er heute noch in manchen außerdeutschen Ländern sehr zum Vorteil des Volksganzen Grundsatz ist und auch dort gutgeheißen wird, wo die Klassenstärke nur ein Bruchteil deutscher Klassenstärke beträgt. Allerdings haben sich solche Völker auch nicht in einer Generation zwei Weltkriege verloren. Die Lektüre der Programme früherer Jahrzehnte ist für Lehrer und Schüler unsrer Tage in sehr vieler Hinsicht lehrreich. Auch der mathematisch-naturwissenschaftliche interessierte Leser wird mit Erstaunen und Hochachtung feststellen, welch hohes Niveau im humanistischen Gymnasium etwa der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts (bei allerdings meist einer Wochenstunde Mathematik mehr gegenüber heute) der mathematische Unterricht erreichte. Sicher hat Stoll auch in dieser Hinsicht segensreich gewirkt, wie auch beim Lesen der Programme seiner Zeit immer wieder auffällt, wie umfangreich die Anschaffungen für die physikalische Sammlung waren. So steht Franz Xaver Stoll ein Gelehrter und Schulmann zugleich vor uns, wie ihn unser Jahrhundert wohl kaum mehr kennt. Und dabei war dieser durch hervorragende menschliche Eigenschaften ausgezeichnete Mann von einer seltenen Bescheidenheit und stellte wenig Ansprüche an das äußere Leben. Sein Leben galt der Wissenschaft und der Schule, in der er 36 Jahre lang wirkte. Anläßlich der Ruhestandsversetzung am 1. April 1893 schrieb der Direktor im Jahresprogramm des Bensheimer Gymnasiums: "Seinem bescheidenen Sinn gemäß bat Professor Stoll, von jeder öffentlichen Ehrung abzusehen. Es darf jedoch hier wie sonst ausgesprochen werden, daß sich der überall geschätzte Kollege um die Anstalt, an der er über 36 Jahre gewirkt hat, die größten Verdienste erworben, und daß es durch die reichen Eigenschaften seines Geistes und Gemüts sich für alle Zeiten in den Herzen seiner Kollegen und Schüler eine dankbare Erinnerung gesichert hat". Dr. Hans Bentz Quelle: Bentz, Hans, Dr.(1956): Franz Xaver Stoll, Ein Mann der Wissenschaft und ein großer Schulmann, aus: Bergsträßer Anzeigeblatt, 7. Januar 1956
In der Gedenkschrift "300 Jahre Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim" wird Xaver Stolls Rolle als Lehrer für die neu eingeführten Naturwissenschaften dargestellt. Auch hier werden Stolls Besonderheiten deutlich: [...] Bescheidene Anfänge moderner Naturwissenschaft finden sich seit 1851 im Wirken des Fachlehrers Dr. Cornelius Billhardt aus Bingen, welcher im 1852er Programm als Accessist genannt wird. Er gibt in den zusammengefassten beiden oberen Klassen wöchentlich eine Stunde Naturwissenschaft. Auch ist er mit einer Stunde Botanik in einer unteren Klasse eingesetzt. Nach dem Programm von 1853 ist Billhardt provisorischer Lehrer der Naturwissenschaft mit wöchentlich sechs Stunden. Billhardt geht 1855 an das Mainzer Gymnasium, sein Nachfolger Dr. Paul Reis bereits im folgenden Jahr nach Worms. Kontinuität erreicht der naturwissenschaftliche Unterricht eigentlich erst mit Dr. Franz Xaver Stoll, der seit dem Jahre 1857 in Bensheim wirkte. Stoll ist eine der farbigsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Bensheimer Gymnasiums. Vom Fach her zugleich Philologe und Naturwissenschaftler(eigentlich Mathematiker), hat er sich besonders um die Förderung des naturwissenschaftlichen Unterrichts verdient gemacht. Dass sich über ihn relativ umfängliches Aktenmaterial findet, hängt nicht nur an seiner langen Bensheimer Wirkungszeit von 1857 bis 1893. Der kleinere Teil des Aktenniederschlages betrifft Dr. Stolls Erwerbungspraxis von physikalischen Geräten und ihre Unterbringung, wobei er sich offenbar wenig um Etatzwänge und vorherige Genehmigungen scherte, sondern vielmehr das ihm nötig erscheinende kaufte. Ein größerer Aktenfaszikel dagegen trägt den Titel: "Religionswidrige Äußerungen des Dr. Stoll vor den Schülern 1863. Ursache war sein geistlicher Kollege Benefiziat Dommerque, der Stoll mehrmals wegen "religionswidriger Äußerungen" angezeigt hatte. Stoll hatte in seinem Unterricht Ergebnisse der Naturwissenschaft mit Aussagen der Heiligen Schrift konfrontiert. Freilich hat jedoch sowohl die weltliche, als auch die geistliche Schulaufsichtsbehörde, nachdem man die umfänglichen Berichte eine Zeitlang hin- und hergeschoben hatte, dem eifrigen Benefiziaten bedeutet, dass man sein Verhalten missbillige. Für Stoll selbst hat die Affäre offensichtlich keine Konsequenzen gehabt, denn er wurde 1865 endgültig angestellt.[...]
Quelle: AKG (1986): 300 Jahre Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim, Bensheim, Seite 50f.
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