Joseph Stoll
Bensheim
Gründer der Heimatvereinigung Oald Bensem, Mitbegründer des Bensheimer Winzerfestes, Heimatforscher und Heimatdichter, Herausgeber des Bensheimer Idiotikons
historische Bürgerwehr
Mundart Hessen
Lebenslauf Meine Jugend Ob nun " ph " oder " f ", Joseph bleibt Josef und für viele Bensheimer war ich ohnehin der Stolle Seppl. Es war halt einfach schick seinen Namen der damaligen Mode anzupassen und ich war nicht der einzige. Ganz offiziell heiße ich Joseph Stoll und wurde am 24.01.1879 geboren. Mein Vater hieß Franz Xaver, war Professor für Mathematik und Physik und kam aus Mainz nach Bensheim, um dort am Gymnasium seit 1857 als Oberlehrer tätig zu sein. Meine Mutter war echte Bensheimerin, eine geborene Mohr (aus der Metzgerfamilie Mohr stammend). Ich erblickte das Licht der Welt in dem Hause, welches noch bis vor kurzem das Kaufhaus Krämer (Bahnhofstraße / Hauptstraße) beherbergte. Meine Kindheitsjahre waren schön, das friedliche Bensheim bot genügend Möglichkeiten, um alle Reize einer Kleinstadt schätzen zu lernen. Leider hatten meine Geschwister nicht die Möglichkeit ein so sorgenfreies Leben zu führen. Alle erkrankten schwer und verstarben noch als Kinder. Ich wuchs also sehr behütet auf, wobei mich der Beruf meines Vaters in vielfältiger Weise beeinflusste. Ich ging in dieselbe Schule wie er, allerdings mit einer klaren Rollenverteilung: er war der Lehrer und ich sein Schüler. Zuhause konnte ich mich nur schwer dieser Rollenverteilung entziehen, aber durch das wissenschaftliche Engagement meines Vaters, er unterhielt Kontakte zu namhaften Forschern der damaligen Zeit und wurde auch für seine eigene Leistungen ausgezeichnet, konnte ich sehr früh einen Blick über den Tellerrand wagen. Ich beendete die Schule mit dem Reifezeugnis im Jahre 1900. Mein Studium Ich begann noch im Jahre 1900 mit dem Studium der Architektur an der Technischen Hochschule Darmstadt. Ich ergänzte dieses Studium durch einen weiteren Studiengang in Karlsruhe und München, nämlich im Fachgebiet des Kunstgewerbes. Doch schon bald zog es mich wieder in meine Heimat zurück und ich wurde Assistent des Hochschulprofessors für Ornamentzeichnen und Modellieren Augusto Varnesi. Nachdem ich so die Jahre von 1905 bis 1907 in Darmstadt zugebrachte hatte, erhielt ich eine Stelle in Bensheim als Lehrer an der Gewerbe- und Malerschule. Mein Beruf war sogleich mein Hobby und ich richtete mir ein kleines Atelier im Nebenbau unseres Wohnhauses ein. Hier erstellte ich kunstgewerbliche Entwürfe aller Art: Werbeplakate für Kinos, Elektrogeschäfte und kleinere Betriebe, "Exlibris" für den Hausgebrauch, Programmheftchen für Theater- und Gesangsabende etc. Ich nutzte aber auch mein architektonisches Wissen, um Fassaden zu verschönern, wobei mein eigenes Haus im Jahre 1911 mit Graphito-Technik versehen wurde. Diese Fassade wurde 1979 komplett renoviert. Man trifft auch heute noch auf weitere Häuser in Bensheim, die mit dieser Technik geschmückt sind. Nebenbei nutzte ich mein Atelier auch immer wieder um auch für Bensheim tätig zu werden, so zeichnete ich eine Gesamtansicht der Bergstraße, welche durch den Verlag Hofmann als Wandkarte für den Unterricht herausgegeben wurde. Ein solches Exemplar hängt heute noch im Bensheimer Stadtmuseum. Während der Kriege ließ ich auch immer wieder Motive meiner Heimat auf dem Papier in Tusche, Kreide und Aquarell erscheinen. Nach dem 2. Weltkrieg entdeckte ich die Flora als Vorlage und konzentrierte mich auf Blumen in Aquarell, die sich auch in den wirtschaftlich schlechten Zeiten an amerikanische Soldaten verkaufen ließen. Die Vorliebe für diese Motive mag im Beruf meines Mainzer Urgroßvaters "Peter Stoll" liegen, der eine Gärtnerei und eine Orangerie betrieb und ebenfalls Blumen zu Papier brachte. Joseph Stoll Seite 2 Lebenslauf Frühe Aufnahme aus den 30er Jahren: Joseph Stoll als Kommandant der Bürgerwehr Aber nun noch mal chronologisch: Ich war mit dem Studium fertig und war als Lehrer in Bensheim tätig. Doch dann kam der Krieg. Der erste Weltkrieg 1914 brachte den Krieg und ich rückte 1915 freiwillig als Soldat zum Train-Ersatzbattalion in Darmstadt ein. Nach der Grundausbildung wurde ich im Rahmen des Militärbauamtes in Belgien eingesetzt. Die kaiserliche Fortifikation (Befestigungswerk) Namur erkannte meine Fähigkeiten und so sollte ich mich an dem von ihr herausgegebenen Werk "Namur vor und im Weltkrieg" beteiligen. Dies tat ich auch. Ich fertigte Zeichnungen und Skizzen der Fortifikation an, zeichnete Geländeskizzen, Bodenprofile, erfasste Gebäude der Innenstadt und Landschaften. Vereinsleben Mein Leben wurde schon früh von der Erkenntnis begleitet, daß Gemeinschaft im geselligen Rahmen eine Menge Freude bringt und so begann ich früh mich Vereinigungen anzuschließen bzw. zu gründen. 1904 gründete ich mit ein paar Freunden die "Bondelzwarts", eine Interessengemeinschaft (böse Zungen sprechen auch von einem Stammtisch) für afrikanische Kultur, Bräuche, Traditionen. Eine Idee, die der damaligen Euphorie für die neuen Kolonien in Afrika entsprang. Wir hatten ein Clubhaus "Kraal" in Auerbach, welches komplett im afrikanischen bzw. kolonialem Stil eingerichtet war, und ebenfalls den Namen des Hottentottenstamm trug: "Bondelzwarts-Ruh". Mein Interesse an den Menschen, den Bräuchen und geschichtlichen Gegebenheiten, konnte durch meine Mitgliedschaft in vielzähligen Clubs gestillt werden. Angefangen beim Odenwaldclub, bei dem ich auch mal Vorsitzender war, der Bensheimer Karnevalsgesellschaft, dem Bensheimer Gewerbeverein, dessen 1. Vorsitzender ich von 1928 - 1933 war und mit dem ich, zusammen mit anderen, die Bensheimer Werbewoche einführte. Den meisten bin ich jedoch dadurch bekannt, daß ich das Bensheimer Winzerfest als 1. Vorsitzender des Kur- und Verkehrsvereins eingeführt habe, welches zu einer Stärkung des Tourismus in Bensheim beitragen sollte. 1930 gründete ich die Heimatvereinigung "Oald Bensem", die im Jahre 1931 durch die Aufstellung einer Trachten- und Biedermeiergruppe sowie der Bürgerwehr ergänzt wurde. Diese Gruppen ließen sich auch außerhalb Bensheim sehr gut einsetzen, um auf Bensheim bei auswärtigen Veranstaltungen, sei es Winzerfeste, Stadtjubiläen etc., aufmerksam zu machen. Bensheim entwickelte sich so zu einer festen Größe im süddeutschen Raum. Die Aufgabe, die ich für die Heimatvereinigung vorsah, war die Liebe für die Heimat zu wecken, junge Menschen in wirtschaftlich harten Zeiten von der Straße zu holen und ihnen Aufgaben und Gemeinschaft zu geben, die Bensheimer Mundart, Sitten und Gebräuche zu pflegen und Spaß zu haben. 1922 wurde ich zudem als Fachlehrer an der Fortbildungs- und Berufsschule in Bensheim angestellt. 1934 wurde ich Rektor dieser Schule und ehrenamtlicher Leiter der kurz vor dem 2. Weltkrieg aufgelösten Gewerbe- und Malerschule. Joseph Stoll Seite 3 Meine literarische Ader Jetzt gibt es sicherlich Leute, die haben noch kein Bild von mir gesehen, oder sind sich der Ursprünge des Winzerfestes nicht bewusst, die können sich aber erinnern, daß sie von mir einmal ein Büchlein in der Hand gehalten haben. Richtig, ich habe mich auch ein wenig literarisch betätigt. Auch hier trat meine Heimat mit all ihren Bräuchen, Anekdoten, ihrer Historie und vor allem ihrer Mundart in das Blickfeld meines Interesses. Ich habe nicht nur in Zeitschriften bzw. Zeitungen der damaligen Zeit veröffentlicht, hier wären zum Beispiel "Unter der Dorflinde", "Volk und Scholle", "Hessischer Landkalender", "Bensheimer Anzeigeblatt" und "Bensheimer Geschichtsblätter" zu nennen, sondern auch eigene Werke herausgegeben, die sowohl in Mundart als auch auf hochdeutsch herausgebracht wurden. Da war noch 'was Ach ja, zwischenzeitlich habe ich auch noch privat und beruflich etliche Veränderungen erfahren. Ich heiratete im Jahre 1922 Frau Magarethe Stoll, geborene Rische, die einen Sohn aus erster Ehe mitbrachte, Egon. 1922 wurde ich zudem als Fachlehrer an der Fortbildungs- und Berufsschule in Bensheim angestellt. 1934 wurde ich Rektor dieser Schule und ehrenamtlicher Leiter der kurz vor dem 2. Weltkrieg aufgelösten Gewerbe- und Malerschule. 1956 verstarb ich an einer verschleppten Blinddarminfektion. Ich hoffe Ihnen hat die kleine Einführung in mein Leben gefallen, sollten noch Fragen bestehen, so nutzen Sie z.B. die Homepage von "Oald Bensem".